Helfen Atemtechniken wirklich?
Was die Wissenschaft sagt – und was ich in der Praxis sehe
Von Katja Kaiser
Irgendwo zwischen „Atme einfach tief durch" und „Box Breathing für mehr Fokus" haben wir den Faden verloren. Atemtechniken sind überall. Apps, Podcast-Folgen, Reel um Reel. Und trotzdem klagen viele, dass sie nichts bringen. Oder nur kurz. Oder nur manchmal.
Woran liegt das?
Nicht alle Techniken sind gleich – und nicht aus dem gleichen Grund wirksam
Atemtechniken wirken. Das ist keine Glaubensfrage, sondern Physiologie. Aber sie wirken auf unterschiedliche Art, unterschiedlich tief und unterschiedlich nachhaltig. Der entscheidende Unterschied liegt oft nicht in der Technik selbst, sondern in dem, was sie adressiert.
Vereinfacht lassen sich zwei Ebenen unterscheiden:
Techniken, die einen Zustand verändern. Sie unterbrechen akuten Stress und geben dem Nervensystem kurzfristig Entlastung. Das verlängerte Ausatmen, kohärentes Atmen im 5-5-Rhythmus, der physiologische Seufzer. Sie wirken – und zwar messbar, oft schon nach wenigen Atemzügen.
Techniken, die ein Muster verändern. Sie trainieren, wie du grundsätzlich atmest. Nicht nur in der Übung, sondern rund um die Uhr. Das braucht Zeit und Wiederholung. Aber es ist das, was sich nachhaltig verändert.
Die meisten populären Techniken bewegen sich auf der ersten Ebene. Das ist nicht falsch – aber es erklärt, warum der Effekt oft nicht hält. Wenn das zugrundeliegende Atemmuster sich nicht verändert, kehrt das System nach der Übung dorthin zurück, wo es war.
Warum „tief atmen" manchmal das Falsche ist
Der gut gemeinte Rat lautet oft: „Atme tief durch." Und damit ist meistens ein großes, langsames Einatmen gemeint.
Das kann kurzfristig helfen. Langfristig – und missverstanden – kann es aber das Gegenteil bewirken.
Tiefes Atmen im Sinne von mehr Volumen oder schnellerem Rhythmus senkt den CO₂-Spiegel im Blut. Und das – wie der Bohr-Effekt zeigt – bedeutet: Sauerstoff wird schlechter ins Gewebe abgegeben, Blutgefäße ziehen sich leicht zusammen, das Nervensystem bleibt in leichter Bereitschaft. Der Körper interpretiert rasches, tiefes Atmen als Signal: etwas ist los.
Was tatsächlich hilft, ist in den meisten Situationen das Gegenteil: ruhige, leise, nasale Atmung mit einem leicht verlangsamten Rhythmus. Nicht dramatisch – nur ein bisschen weniger, als der Körper gerade gewohnt ist.
Was im Körper passiert – kurz und präzise
Der Atem ist der einzige Teil des autonomen Nervensystems, den wir bewusst steuern können. Das macht ihn zu einem direkten Eingang: Ändert sich der Atemrhythmus, ändert sich die Rückmeldung ans Gehirn.
Langsame, ruhige Ausatmungen aktivieren den Vagusnerv – den zentralen Nerv des parasympathischen Systems, das für Ruhe, Regeneration und Verdauung zuständig ist. Der Herzschlag verlangsamt sich. Stresshormone sinken. Das Gehirn erhält das Signal: sicher.
CO₂ spielt dabei eine zentrale Rolle: Es stimuliert den Vagusnerv direkt. Wer chronisch zu wenig CO₂ hat – durch dauerhaftes Überatmen –, hat einen dauerhaft unteraktivierten Parasympathikus. Kein Wunder, dass sich Entspannung dann selten wirklich entspannt anfühlt.
Warum der Buteyko-Ansatz anders ist
Der ukrainische Arzt Konstantin Buteyko entwickelte in den 1950ern eine Methode, die das Atemvolumen reduziert – nicht erhöht. Seine Beobachtung nach Jahren in der klinischen Praxis: Die meisten Menschen atmen zu viel, zu schnell, zu flach, zu oft durch den Mund. Das führt zu strukturell niedrigen CO₂-Werten und einem chronisch überaktivierten Stresssystem.
Der Buteyko-Ansatz trainiert kein einzelnes Atemmanöver. Er trainiert ein Muster: nasal, leise, ruhig, effizient. Den ganzen Tag – nicht nur während der Übungszeit.
Das bedeutet: Es braucht Geduld. Es braucht Wiederholung. Und es braucht den Unterschied zwischen „ich habe die Übung gemacht" und „mein Muster hat sich verändert".
Aus meiner Arbeit mit Klientinnen weiß ich: Der Moment, in dem sich wirklich etwas verändert, ist oft unspektakulär. Keine dramatische Session, keine Erleuchtung. Sondern der Morgen, an dem jemand sagt: „Ich weiß gar nicht genau warum, aber ich schlafe wieder durch." Oder: „Ich bin irgendwie ruhiger. Schon länger."
Was das für dich bedeutet
Wenn du schon Atemübungen ausprobiert hast und die Wirkung ausblieb – lies das nicht als Scheitern. Lies es als Information. Vielleicht war es die falsche Technik für den falschen Moment. Vielleicht fehlte der Kontext. Vielleicht war es ein Pflaster auf etwas, das eine andere Art von Begleitung braucht.
Ich glaube nicht daran, dass es eine Technik gibt, die für alle passt. Aber ich glaube daran, dass der Atem für fast jeden eine Ressource ist, die noch nicht vollständig genutzt wird.
Wenn du das vertiefen möchtest: In den Gruppen-Breathwork-Sessions arbeiten wir auf beiden Ebenen – mit Techniken, die kurzfristig helfen, und mit Mustern, die sich langfristig verändern können. Kein Vorwissen erforderlich.