Warum du vielleicht zu viel atmest –
und was das mit deiner Erschöpfung zu tun hat
Von Katja Kaiser
Stell dir vor, du öffnest das Fenster – und statt frischer Luft kommt mehr verbrauchte Luft rein. Genau das passiert in deinem Körper, wenn du chronisch zu viel atmest.
Das klingt paradox. Und es ist es auch.
Was Überatmung wirklich bedeutet
Chronische Überatmung ist selten dramatisch. Du hechtest nicht. Du hyperventilierst nicht sichtbar. Es reicht, ein bisschen zu viel zu atmen – durch den Mund statt durch die Nase, ein bisschen schneller als nötig, ein bisschen tiefer als der Bedarf. Über Monate und Jahre hinweg kann das das physiologische Gleichgewicht deines Körpers verschieben, ohne dass du es merkst.
Der Schlüssel liegt im Kohlendioxid – einem Gas, das wir fast ausschließlich als Abfallprodukt kennen. Das ist ein Irrtum.
Der Bohr-Effekt: Warum weniger CO₂ zu weniger Sauerstoff führt
1904 beschrieb der dänische Physiologe Christian Bohr eine Entdeckung, die bis heute in der Atemwissenschaft fundamental ist: Hämoglobin – der Sauerstofftransporter im Blut – gibt Sauerstoff nur dann ans Gewebe ab, wenn genug Kohlendioxid vorhanden ist. CO₂ ist der Schlüssel, der die Verbindung zwischen Blut und Zelle öffnet.
Was folgt daraus? Wenn du zu viel ausatmest, sinkt der CO₂-Spiegel im Blut. Der Sauerstoff bleibt ans Hämoglobin gebunden – und kommt nicht dort an, wo er gebraucht wird: in Muskeln, Gehirn, Organen.
Das Paradox: Du atmest mehr – und dein Körper bekommt weniger.
Gleichzeitig zieht CO₂-Mangel die glatten Muskeln in Blutgefäßen und Atemwegen zusammen. Die Folge ist eine leichte Vasokonstriktion – weniger Blutfluss ins Gehirn, in die Extremitäten, ins Gewebe insgesamt.
Wie fühlt sich das an?
Die Symptome chronischer Überatmung sind selten dramatisch. Sie schleichen sich ein – und werden oft auf ganz andere Ursachen geschoben:
- Unerklärliche Erschöpfung, obwohl du genug schläfst
- Konzentrationsprobleme, das Gefühl von Gehirnnebel
- Innere Unruhe oder Angstgefühle ohne klaren Auslöser
- Kalte Hände und Füße
- Schlecht einschlafen oder nachts aufwachen
- Das Gefühl, nie wirklich "ankommen" zu können
Viele dieser Symptome werden auf Stress, Hormonschwankungen oder schlicht die Persönlichkeit zurückgeführt. Manchmal steckt der Atem dahinter. Nicht immer – aber häufiger, als wir denken.
Ein einfacher Selbsttest: der BOLT-Wert
Der Physiologe Patrick McKeown, ein führender Buteyko-Experte, beschreibt einen einfachen Test, um zu spüren, wie tolerant dein Körper gegenüber CO₂ ist – den sogenannten Body Oxygen Level Test.
So geht es:
- Setz dich ruhig hin und atme ein paar Atemzüge lang normal.
- Nach einer normalen, entspannten Ausatmung – nicht nach einem tiefen Einatmen – halte die Luft an.
- Zähle die Sekunden, bis du den ersten, deutlichen Drang verspürst, wieder zu atmen. Kein Durchhalten bis zum Äußersten.
Unter 20 Sekunden deutet auf eine niedrige CO₂-Toleranz hin. 25–35 Sekunden ist ein guter Richtwert. Über 40 Sekunden zeigt eine gut trainierte Atemfunktion an.
Das ist kein Leistungstest und keine Diagnose. Es ist einfach eine Information – ein erster Eindruck, wie dein Atem gerade aufgestellt ist.
Was du sofort tun kannst
Der wirkungsvollste erste Schritt ist gleichzeitig der unscheinbarste: die Mundatmung aufgeben – zumindest in Ruhe und bei leichter Aktivität.
Nasenatmung ist nicht nur "besser". Sie ist physiologisch eine andere Erfahrung. Die Nase filtert, erwärmt und befeuchtet die Luft. Sie produziert Stickstoffmonoxid (NO), das die Blutgefäße weitet und die Sauerstoffaufnahme in der Lunge verbessert. Und sie verlangsamt automatisch das Atemvolumen – ohne dass du bewusst etwas tun müsstest.
Wenn du bemerkst, dass du regelmäßig durch den Mund atmest – beim Arbeiten, beim Einschlafen, beim Sport – ist das ein guter Moment, genauer hinzuschauen.
Wann es mehr braucht als Selbstbeobachtung
Dieser Artikel ist ein Einstieg, keine Anleitung zur Selbstbehandlung. Wenn du dich in den Symptomen oben erkennst, wenn dein BOLT-Wert deutlich unter 20 Sekunden liegt, oder wenn du spürst, dass dein Atem schon lange nicht mehr wirklich entspannt fließt – dann lohnt es sich, das tiefergehend anzuschauen.
Atemgewohnheiten lassen sich verändern. Aber dafür braucht es Begleitung, Praxis und Zeit. Nicht einen Artikel, den man einmal liest.
Genau dafür gibt es die Gruppen-Breathwork-Sessions – konkret, praktisch, mit Techniken, die deinen Atemrhythmus nachhaltig verändern können. Kein Meditationsraum erforderlich.